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Ernst, Willy. Die Lieder des provenzalischen Trobadors Guiraut von Calanso. "Romanische Forschungen", 44, 2 (1930), pp. 255-406.

243,010- Guiraut de Calanson

11. domnejar. Da der Dichter es von der Dame haben möchte, kann die genaue Bedeutung offenbar nicht „Frauendienst, Minnedienst” sein, sondern sie ergibt sich aus der Substantivierung von Levy SW, domnejar 2: „Minnespiel treiben (von der Frau gesagt)”; Levy, Petit Dict.: „pratiquer la courtoisie (en parlant d’une femme)”. Man müßte demnach etwa übersetzen: „minnigliche Behandlung”. –
baizar. In seinem Vortrag über Frauendienst und Vassallität (Z. f. fr. Spr. u. Lit. XXIV [1902], S. 159–190) erläutert Wechßler die symbolische Bedeutung des Kusses beim Huldigungsakt zwischen Vasallen und Lehnsherrn. „Da der Vassall beim Akt der Huldigung . . . einen Kuß auf den Mund empfing, und . . . nach älterer Sitte zuvor den Fuß des Lehnsherrn küßte, sind die Wortspiele mit diesen symbolischen Küssen einer der beliebtesten Vergleiche der Troubadours geworden”. (Wechßler, a. a. O., Anm. 19.) Das Küssen war auch sonst im Mittelalter Sitte, besonders bei der Begrüßung einer gleich– oder höhergestellten Person (Schultz, Höfisches Leben I, 521); so bedeutete ein Kuß also für den dienenden Frauensänger immerhin eine Gunsterweisung trotz seiner harmlosen Ableitung aus dem konstruierten Vasallitätsverhältnis zwischen Frau und Sänger – ganz abgesehen von dem natürlich mitschwingenden erotischen Doppelsinn.
 
12. aman sufren. Asyndetische Verbindung zweier Gerundia findet sich nicht selten; vgl. Schultz-Gora, Elem. B. § 187; s. auch unseres Dichters Nr. 8, v. 23–24, 26–27.
 
22. Der Vers hat offenbar den Abschreibern Schwierigkeiten gemacht, da alle Hss. verschieden lauten. Die Verwirrung scheint durch Mißverständnis von car herbeigeführt zu sein. Vgl. Varianten. –
doler intr. gebraucht; vgl. R. Vidal, Castia-gilos 134 (Appel, Chrest. S. 29).
 
32. esgar. Obliquus statt des Nominativs.
 
33. Der Stern als sicherer Führer wird öfters zum Vergleichsgegenstand gewählt, besonders in Marienliedern (s. Stössel § 71); sehr schön z. B. bei Peire von Corbiac (Gr. 338, 1, Cobl. 6):
                    Domna (= Maria), estela marina.
                   De las autras plus luzens,
                   La mars nos combat e’l vens ;
                   Mostra nos via certana :
                   Quar si’ns vols a bon port traire
                   No tem nau ni’l governaire,
                   Ni’l tempier que’ns estorbilla
                   Ni’l stobi de la marina.          (Choix 4, 466.)
 
Auch in unserem Falle ist das Motiv des Hoffens und Vertrauens das verbindende: die Liebe sagt dem Dichter, der Anblick der Geliebten müsse ihm mehr Hoffnung und Sicherheit einflößen als dem verirrten Seemann der Abendstern.
 
34. Cobla IV und V sind in dem Hss. IKR umgestellt.
 
38. fenhen. „fenhedor” hieß derjenige, der erst die erste von den nach der bekannten Allegorie vier Stufen zum Liebestempel erstiegen hatte. Wir hören im domnejaire:
                   Cel q’a bon cor de donna amar
                   E la vai sovenz corteiar,
                   E non l’ausa razonar,
                   Feigneres es espaventasz          (Archiv 34, 425).
 
Der Dichter ist also noch nicht weiter gekommen in seinem Verhältnis zu der Dame. Die Dame tötet ihn, indem sie seine Neigung nicht erwidert, ihre Kälte ist sein Tod; letztere zu zeigen kann er sie nicht verhindern, er hat gegen sie keine Waffen; sie handelt also wie jemand, der einen Waffenlosem (que no·s defen, v. 37) tötet. Fenhedor übersetzt Levy: „amant timide”.
 
39. tro. Solange behandelt sie den treuen Liebhaber ungerecht, bis er gar von lügnerischen Nebenbuhlern noch hinterlistigerweise schlecht gemacht wird.
lauzenjador. Über den Begriffsinhalt dieses vielgebrauchten Wortes (nach Levy SW = „Lästerzunge, Lügner, Betrüger”) stellt Wechßler, Kulturprobl. S. 200 ff., eingehende Untersuchungen an. Danach ist lauzengier (dem mhd. merkaere entspricht) ursprünglich ein Schmeichler, liebedienerischer Höfling, dann Aufpasser, Verleumder; zu den l. gehören insbesondere die Frauenwächter (guirbauts, guardadors) gelegentlich die Verwandten der Dame („die nach deutschen Sängern die huote ausübten”), dann „neidische Rivalen, fürstliche Dilettanten, gleichgestellte Berufsdichter”, endlich noch „allerlei anderes Volk, das wir heute so wenig werden fassen können, wie die Dichter damals vielleicht selber es vermochten”. Diese lauzenjador waren die Todfeinde der Trobadors, die keine Gelegenheit versäumten und keinen Ausdruck scheuten, um ihrer Wut auf sie Luft zu machen.
 
41. sol per cujar = „nur auf das falsche Glauben hin”, d. h. unbegründeterweise; cuidar = „(fälschlich) glauben” belegt Appel, Chrest., Glossar. – Der Sinn von v. 39–41 ist also etwa: viel Lärm um nichts; die Sache an die große Glocke hängen.
 
42. tal lese ich nach Ca (a hat tals); Chabaneau schreibt tal(s) Tal= „solches” bezieht sich auf das, was sie sagt, nämlich: ich bin nicht betrogen mit meiner Liebe zu ihr.
 
43. que. Chabaneau liest: mas si (C hat mas que). Ich folge IKRa; que = de sorte que (Levy, P.D.).
 
45. despen. Despendre = „dépenser” (Levy, P.D.); „ausgeben, verteilen” (Bartsch, Chrest.); „ausgeben, verwenden” (Appel, Chrest.). „Verwenden, anwenden” kommt wohl der hier vorliegenden Bedeutung am nächsten. In gleichem Sinne gebraucht bei Gausbert von Poicibot (Gr. 173, 11, Cobla 4):
                   E despendrai mon sen e mon saber
                   En vos gent servir a jornal          (Archiv 35, 419).
 
50. estranh dompnejador. Sie gehören zur Kategorie der fals lauzenjador (s. Anm. zu v. 39).
 
52. Chabaneau liest (mit C): nil plazer nil solatz. Ich glaube, wegen der Koordination mit digz den Plural (mit IKRa) setzen zu sollen. Einen gewissen Gegenpol bildet im nächsten Vers der betonte Singular us jazers.
 
54. Chabaneau setzt an den Schluß des Verses, wohl nur versehentlich, ein Semikolon.
s’an sezer. Der Konjunktiv hat optativen Sinn, der aus der vom Dichter bei der Dame vermuteten Gesinnung abzuleiten ist. Er glaubt, sie denke wohl, wenn sie mit dem Nebenbuhler zusammen ist: Möchte doch der andere (nämlich der Dichter, von dem sie nicht weiß, daß er der aufrichtige Liebhaber ist) weit fort von hier gehen!
 
56–58. Die Tornada steht nur in C und a. Nach Ausweis des Handschriftenschemas geht das Fehlen derselben in IKR auf Konto des Schreibers von β. Chabaneau druckt sie nicht mit ab, tut ihrer nicht einmal in einer Anmerkung Erwähnung; er hat sie demnach wohl für unecht gehalten. Immerhin erheben sich keine Bedenken gegen ihre Originalität (während das Handschriftenverhältnis sogar dafür spricht), da P. von Gavaret in der Gascogne lebte, wo sich ja der Lebensnachricht zufolge G. von Calanso zum mindesten längere Zeit aufgehalten hat; auch chronologische Bedenken bestehen nicht (vgl. Einleitung).

 

 

 

 

 

 

 

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